Torschütze Timo Werner (li.): Starker Auftritt vor dem 1:0 Foto: dpa/Christian Charisius

Die deutsche Fußball Nationalmannschaft zeigt beim 1:1 gegen Spanien eine durchwachsene Leistung. Lange Zeit sieht sie wie der sichere Sieger aus, kassiert mit dem letzten Angriff aber den Ausgleich. Was Bundestrainer Löw verärgert.

Stuttgart - An die leere Mercedes-Benz-Arena hat man sich als Fan ja fast schon gewöhnt. Ende Juni feierten hier die Fußballer des VfB die Rückkehr in die Bundesliga. Ein seltsamer Anblick war es dennoch, den die riesige Arena am Donnerstag bot. Die großen Stars bei einem Länderspiel vor leeren Rängen – ein Novum in der Geschichte des Deutschen Fußball Bundes. Gerne hätte der DFB wenigstens 500 Fans aus systemrelevanten Corona-Berufen mit Freikarten ins Stadion gelassen. Der europäische Verband machte aber nicht mit. Was nicht nur bei Bundestrainer Joachim Löw die Freude trübte. „Ich habe auf der Bank gesessen und gedacht, wie schade, an so einem schönen Fußballabend“.

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Stattdessen totale Geisterspielatmosphäre. Mit der die deutsche Elf am ersten Spieltag der Nations League nicht in jeder Phase des Spiels zurechtkam. 1:1 (0:0) hieß es nach 90 wechselhaften Minuten mit einem späten Gegentreffer in der Nachspielzeit, den nicht nur Timo Werner, den deutschen Torschützen zum 1:0 (51.), ärgerte. „Es ist bitter, dass wir den Sieg noch aus der Hand geben mussten. Aber unter dem Strich haben wir kein schlechtes Spiel gemacht.“ Auch Löw haderte – besonders mit der überlangen Nachspielzeit von sechs Minuten. „Das hat mich schon verärgert. Angezeigt waren eigentlich vier Minuten.“ Mit dem allerletzten Angriff des Spiels bugsierte Abwehrspieler Gaya den Ball noch irgendwie über die Linie.

Spanien stellt deutsche Defensive vor Probleme

Löw richtete den Blick dennoch zuversichtlich auf die EM im kommenden Jahr. Dann soll endlich die Wiedergutmachung für die noch immer wie ein dunkler Schleier über dem Verband liegende Russland-Schmach von 2018 gelingen. Der Kick gegen Spanien war der Beginn eines neunmonatigen Testlaufs. Erkenntnis des Abends: Die DFB-Elf steht nach fast zehnmonatiger Wettkampfpause schon wieder ganz gut im Saft – freilich mit Luft nach oben.

Das wurde besonders deutlich, wenn die starken Spanier die deutsche Mannschaft früh attackierten. Dann hatte die Dreierkette mit Niklas Süle, Antonio Rüdiger und besonders Emre Can ihre liebe Müh und Not mit dem Spielaufbau. Kevin Trapp, Vertreter des geschonten Manuel Neuer im Tor, musste mehrfach eingreifen. Die Iberer unter ihrem neuen, alten Trainer Luis Enrique präsentierten sich nach der langen Pause als reifer, ballsicherer und abgeklärter.

Timo Werner trifft an alter Wirkungsstätte

Auf deutscher Seite hatten Toni Kroos und Ilkay Gündogan das Mittelfeld nur selten im Griff. Erst wenn der Ball in der Hälfte der Iberer landete, ließ die DFB-Elf Geschwindigkeit und Können aufblitzen. Vor allem Leroy Sané machte Alarm – fehlende Wettkampfpraxis war dem Bayern-Neuzugang nach seinem Kreuzbandriss nicht anzumerken. Sein Linksschuss (17.) markierte die beste Offensivaktion vor der Pause.

Timo Werner hatte seinen großen Auftritt kurz nach Wiederanpfiff: Nach Vorlage von Debütant Robin Gosens von Atalanta Bergamo vollendete der Angreifer in seinem alten Stadion gekonnt zur 1:0-Führung. Wenig später vergab Werner noch die große Chance zum 2:0. Danach passierte nicht mehr viel – bis Gaya die DFB-Elf schockte.

„Wir haben uns nach der Führung zu weit hinten rein drücken lassen“, kritisierte Timo Werner. „Und dann kriegen wir so ein Eier-Tor“, ärgerte sich der 26 Jahre alte Debütant Gosens, mit dessen Leistung sich der Teamchef zufrieden zeigte. „Er hat mir auf der linken Seite gut gefallen.“

Debütant Gosens ärgert sich über „Eier-Tor“

Neben Neuer hatte Löw auch den anderen Bayern-Stars Leon Goretzka, Serge Gnabry, und Joshua Kimmich eine Pause gegönnt. Die Herausforderung wird für den Bundestrainer darin bestehen, die richtige Balance aus Belastung und Erholung zu finden. Einerseits benötigt der 60-Jährige ein eingespieltes Team, auf der anderen Seite kann er seine Stars wegen des vollgepackten Terminkalenders bis zur EM nicht verheizen. So richtig nutzte am Donnerstag aber niemand die Chance, sich aus der zweiten Reihe in den Vordergrund zu spielen.

Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Nach der längsten Länderspielpause seit 1950 geht es für die deutsche Mannschaft Schlag auf Schlag weiter. Am Sonntag (20.45 Uhr) steht in Basel gegen die Schweiz der zweite Spieltag der Nations League auf dem Programm. Bis November folgen sechs weitere Länderspiele. Das Spiel gegen Spanien hat gezeigt: Ein bisschen Übung kann Löws Team nach der langen Pause nicht schaden.

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