Überschwemmungen in Venedig. Eine Frau wartet mit ihrem Koffer durch das Wasser auf dem Markusplatz. Foto: dpa/Luca Bruno

Der Markusdom unter Wasser, unzählige Geschäfte überschwemmt, Dutzende Wasserbusse beschädigt. Venedig erlebt das schlimmste Hochwasser seit 50 Jahren. Der Bürgermeister macht den Klimawandel verantwortlich.

Venedig - Giovanni Di Giorgio kann es kaum fassen. „Diese Bilder sind beängstigend. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas je sehen werde“, sagt der 26-jährige Venezianer beim Anblick seiner Heimatstadt. In der Nacht zum Mittwoch wurde Venedig vom höchsten Hochwasser seit mehr als 50 Jahren heimgesucht. Nur sieben Zentimeter trennen die gemeldeten Wasserstände von dem Rekordhochwasser im Jahr 1966.

Doch was sind in diesem Fall ein paar wenige Zentimeter. „Die Flut ist genauso schlimm wie damals“, sagt Bürgermeister Luigi Brugnaro am Mittwochmittag mit zermürbtem Gesicht. 1,87 Meter Hochwasser meldet die Kommune den Höchststand aus der Nacht. Mindestens ein Mensch ist ums Leben gekommen. Der Mann soll einen Stromschlag bekommen haben, als er versuchte, die Entwässerungspumpe seines Hauses wieder in Gang zu setzen.

Mindestens 60 Boote beschädigt

Die Venezianer sind es gewohnt, dass ihre Stadt überschwemmt wird. Das so genannte Acqua Alta kommt jedes Jahr um die Herbstzeit, wenn ein starker Wind die Fluten in die von Kanälen durchzogene Welterbe-Stadt drückt. Dazu kam in diesem Jahr ein starker Regen, der seit Tagen fast ganz Italien heimsucht. Gummistiefel zählen zwar zur Standardausstattung der Lagunenbewohner. Doch bei einem Wasserstand von 1,87 Meter über Normal helfen auch die nicht mehr weiter.

Luca Zaia, der Präsident der Region Venetien, spricht von „apokalyptischen Zerstörungen“. Und „Venedig ist auf den Knien“, sagt Bürgermeister Brugnaro. Die Stadt erlebe eine dramatische Situation, „die unauslöschliche Spuren hinterlassen wird“. Die Kommune meldet erhebliche Schäden, unter anderem stand der weltberühmte Markusdom samt Krypta komplett unter Wasser. Videos aus der Nacht zeigen, wie die Vaporetti, die öffentlichen Wasserbusse auf Venedigs Kanälen, an die Ufer geschleudert werden. Laut Zivilschutz wurden mindestens 60 Boote beschädigt, drei Vaporetti sollen sogar untergegangen sein.

Brugnaro macht für die schwere Flut den Klimawandel verantwortlich. Auch Wissenschaftler warnen seit Jahren davor, dass die Erderwärmung und der daraus resultierende Anstieg des Meeresspiegels für die Lagunenstadt erhebliche Folgen haben werden. Noch dazu sackt der Boden Venedigs ab, wofür unter anderem das Ausbaggern der Fahrrinnen für immer größere Schiffe verantwortlich sein soll.

Die Flutsperre „Mose“ lässt auf sich warten

Einen wirklichen Schutz vor dem Meer gibt es für Venedig nicht. Bereits vor Jahren wurde eine Flutsperre angeregt. Elektronische Barrieren im Meer sollen bei Hochwasser ausgefahren werden und damit die Stadt vor der Flut schützen. Das Projekt mit dem Namen „Mose“ ist allerdings wegen Korruptionsskandalen und einer Explosion der Kosten ins Stocken geraten. Umweltschützern ist das Projekt von Anfang an ein Dorn im Auge. Sie fürchten, dass das empfindliche ökologische Gleichgewicht der Lagune dadurch nur noch mehr gestört werde.

Am Mittwochmorgen gab es in Venedig eine weitere Flutwelle, das Wasser stieg erneut auf 1,60 Meter über Normalwert. Doch schon am Mittag wateten ein paar wenige Menschen wieder in Regenhosen über den Markusplatz. Ja, das Wasser sei schon weniger geworden, bestätigt auch Giovanni Di Giorgio, als er am Nachmittag von der Arbeit nach Hause kommt. Der junge Violinist verdient sich seinen Unterhalt als Vertretungslehrer. In seinem Viertel, Sestiere di Castello, packte er zum Feierabend direkt wieder mit an. „Die Leute helfen sich gegenseitig, in diesem Moment sind wir Venezianer uns sehr nah“, sagt er gerührt. „Alle sind hier und helfen, die Läden und Geschäfte in den Untergeschossen wiederherzurichten. Es ist einfach so viel Zeug, was weggeräumt und entsorgt werden muss.“

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